Utta Reich-Schottky

Hans Schottky

Warum ich gegen die Strafandrohung bei aktiver Sterbehilfe bin.

Nicht alles, was legal ist, ist auch richtig,
und nicht alles was richtig ist, ist auch legal.

Anläßlich des Spiegel-Artikels vom 24. 11. 2008 von Beate Lakotta, in dem mir und meiner Haltung ein kurzer Abschnitt gewidmet ist:

Aus dem naturgemäß stark verkürzt wiedergegebenen Telefonat, das ich mit Frau Lakotta geführt habe, könnte der Eindruck entstehen, daß ich persönlich ein „Befürworter” von aktiver Sterbehilfe sei, was immer darunter zu verstehen ist.

Davon kann keine Rede sein. Als Hospizler stehe ich klar auf der Seite des palliativen und hospizlichen Angebots, obwohl ich es für denkbar halte – wie es ja auch im Spiegel steht – daß ich mich bei einem sehr nahen und persönlichen Verhältnis zum und genauer Kenntnis des Betroffenen, sowie aufgrund einer deutlichen Bitte oder Aufforderung, zu aktiver Unterstützung des Sterbevorgangs entschließen könnte. Ich weiß, daß ich mit dieser Haltung nicht allein stehe, ich halte sie im Gegenteil für ziemlich durchschnittlich.

Ein klassisches Beispiel dieser Art ist der Tod von Sigmund Freud, dessen Arzt ihm viele Jahre vor seinem Tod Unterstützung zugesagt hatte, wenn „es nicht mehr geht” (sinngemäß). Ist es wirklich sinnvoll, einen solchen Arzt vor den Staatsanwalt zu zitieren?

Schwierig (und von mir nicht ins Spiel gebracht) ist auch die Verwendung des Würde-Begriffes in diesem Zusammenhang. Er wird unterschiedlich interpretiert, aber gerne von Betroffenen ins Feld geführt. Letztlich ist er von diesen selbst zu definieren, aber Aufgabe der Betreuenden und Behandelnden ist es natürlich, in wirklich jeder Phase die Würde des Sterbenden zu sehen und, wenn sie kompromittiert erscheint, wiederherzustellen.

Nicht ganz glücklich bin ich schließlich mit der rein negativen Apostrophierung der terminalen Sedierung. Sie wird ja nicht leichthin angewendet. Der Passus „Verantwortungsbewußte Palliativmediziner verwenden sie äußerst restriktiv und nach umfassenden Absprachen” wurde leider nicht übernommen.

Soviel zu meiner persönlichen Einstellung.

Nun zu dem Vorschlag, die Strafverfolgung aktiver Sterbehilfe auszusetzen:

Bei dem Problem der aktiven Sterbehilfe stehen sich in Deutschland seit Jahren unbeweglich zwei Gruppen gegenüber: Diejenigen, die eine aktive Sterbehilfe für sich und möglicherweise auch für andere wünschen, und die, die eine solche Option kategorisch ablehnen, jetzt und für die denkbare Zukunft. Wenn man diese Scene von außen betrachtet, liegt die Frage nahe, welche Vorstellungen beide Seiten zur künftigen Entwicklung und zur Lösung dieses Konfliktes denn eigentlich haben.

Ganz klar: Die Gruppe der, ich nenne sie mal „Befürworter”, hat die Vorstellung, daß aktive Sterbehilfe legal, zugänglich und hierzulande praktikabel sein soll, etwa nach dem Modell der Niederlande.

Hält die andere Seite die Vorstellung für realistisch, daß Verbot, Ächtung und Strafverfolgung auf unabsehbare Zeit durchzusetzen sind? Der internationale Trend spricht dagegen: Die Zahl der Länder, die eine solche Praxis in unterschiedlichen Varianten zulassen, nimmt zu.

Ich halte das Denken in den Kategorien von Sieg oder Niederlage, von Dammbruch und Weltuntergang auf der einen, von „Ein Recht haben auf” und Überlegenheit auf der anderen, für wenig fruchtbar.

Unter anderem deswegen, weil aktive Sterbehilfe selbstverständlich auch in Deutschland praktiziert wird, aber niemand eine klare Vorstellung von Häufigkeit, Methoden, Motiven und Begründungen dazu hat. Das bedeutet, daß die Strafandrohung in der Praxis nicht wirkt und rechtspolitisch ins Leere läuft. Das umso mehr, als inzwischen Nachbarländer mit liberaler Praxis eine Ausweichmöglichkeit schaffen, die zu einem seltsamen, um nicht zu sagen makabren Tourismus führt.

Die Frage stellt sich, ob man wirklich Sanktionierung und Strafandrohung fordern oder aufrecht erhalten muß, wenn man ein Verfahren für sich selbst als unerwünscht und unakzeptabel betrachtet. Einfacher ausgedrückt: Muß man Mitbürger anderer Überzeugung mit dem Knüppel der Strafandrohung verfolgen? Dann läuft man Gefahr, sich in einen Glaubensstreit zu verwickeln, bei dem die Parteien sich Argumente um die Ohren hauen, die sie nicht wirklich übersehen. Wer von den strikten Ablehnern war oder ist denn in der Lage, die Überlegung „Ja oder Nein” für sich selbst entscheiden zu müssen? Die eigentlichen Experten sind doch die, die diese schwierige Frage für ihre eigene Person stellen.

Diesen Betroffenen vorzuschreiben, was sie zu tun oder zu lassen haben, halte ich für in hohem Maße unmoralisch. Und das Verbot ist ja auch garnicht durchzuhalten. Für sinnvoll allerdings und auch zumutbar halte ich ein Beratungsangebot sowie die Frage nach Gründen und Motiven bei denjenigen, die sich gegen die Beschränkung auf das Palliativangebot entscheiden.

Als Modell sei hier die Freiheit der Therapie-Entscheidung angeführt: Auch bei der Ablehnung einer begründeten und aussichtsreichen Behandlung (Op-Ablehnung bei einem gut operablen Karzinom z. B.) ist die Frage nach den Gründen der Ablehnung keine Zumutung, sondern entspricht dem legitimen Bedürfnis des Operateurs nach Verständnis. Allerdings ist ein Patient nicht verpflichtet, seine Gründe zu benennen. Er kann die Behandlung ohne Begründung ablehnen, und er hat keine Nachteile zu befürchten, wenn er sich dann wieder anders entscheidet (also zum Operateur zurückkehrt) – außer vielleicht den Nachteilen der Therapieverzögerung. Natürlich erfordert es eine gewisse Übung und Gelassenheit seitens des Arztes, dann keine Emotionen zu zeigen. Aber das muß man schon fordern, auch darin liegt berufliche Kompetenz.

Die Situation bei der aktiven Sterbehilfe ist ähnlich. Selbst wenn man entschieden auf der Seite des Palliativ-Angebots steht und es für besser hält: Wenn ein Kranker sich dagegen entscheidet, ist das sein Recht. Er muß keine Gründe nennen, tut aber seinem palliativ-orientierten Gesprächspartner einen Gefallen, wenn er sie benennt. Und: Sollte ein solcher sterbewilliger Patient sich wiederum „zurück” entscheiden, dann sollte er von der palliativen oder hospizlichen Seite kommentarlos, sine ira et studio, willkommen geheißen werden.

Es steht den Gruppierungen einer offenen Gesellschaft nicht an, einander Vorschriften zu machen und einander zu missionieren. Zu fordern allerdings ist Offenheit und Transparenz. Daß diese in den Niederlanden nicht voll erreicht wird, ist eine gewisse Schwäche dieses Systems. Allerdings gibt es Daten aus anonymen Befragungen, die den Umfang des Problems erhellen. Das Argument des Mißbrauchs ist ja nicht banal.

Eine systematische wissenschaftliche Begleitung ist bei einer liberalen Praxis dringend zu fordern. Das beleuchtet auch eine aktuelle Schwäche im deutschen System: Wir wissen, wenn man so sagen darf, viel zu wenig darüber, wie denn eigentlich gestorben wird. Die Angaben über den palliativen Bedarf beruhen auf Schätzungen. Insbesondere fehlen auch genauere Kenntnisse darüber, wie wirksam das palliative Angebot tatsächlich ist. Die Gesellschaft hat ein Recht, zu wissen „was läuft”, insbesondere um fortlaufend den politischen und rechtlichen Handlungsbedarf zu bewerten.

Die Forderungen, die sich daraus ergeben, sind klar:

  • Detaillierte Daten über die Sterbesituation bei uns und über das palliative Defizit, vor allem im Alter und bei Demenz.
  • Darauf aufbauend ein realistischer Aktionsplan zum flächendeckenden Ausbau des palliativen und hospizlichen Angebots, insbesondere auch für Institutionen (Altenheime)
  • Parallel dazu Erfassung der Häufigkeit, wie oft palliative Angebote überhaupt gewünscht oder vielmehr — auch nach Beratung und umfassender Aufklärung — abgelehnt werden.
  • Verzicht auf Strafverfolgung bei aktiver Sterbehilfe bei begleitender Dokumentation und kritischer Würdigung der Praxis.
  • Völlige Entscheidungsfreiheit für Ärzte, welcher Option sie sich anschließen. Niemand kann zu einer Praxis genötigt werden, die er moralisch nicht vertreten kann.

Zusammenfassend die Argumente für ein Fallenlassen der Strafandrohung für aktive Sterbehilfe:

  • Aktive Sterbehilfe wird auch bei uns in Deutschland praktiziert.
  • Palliativversorgung und Hospizlichkeit kann die Mehrzahl, aber nicht alle Probleme des Lebensendes lösen.
  • Palliativversorgung und Hospiz wird von einem Teil der Betroffenen nicht gewünscht.
  • Ethischer Pluralismus ist in einer offenen Gesellschaft zu tolerieren, solange keine Grundrechte Dritter berührt werden.
  • Eine Entscheidung zu aktiver Sterbehilfe ist dem autonomen Persönlichkeitsrecht zuzuordnen, wenn der Betroffene beraten wurde und aufgeklärt ist.

Dr. med. Hans Schottky, November 2008

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